Amazon: Das Aus für die Produkttester-Mafia?

Amazon zieht die Reißleine – das Aus für berufsmäßige Produkttester?

Der Versandgroßhändler Amazon hat offensichtlich eine Neuerung eingeführt: https://techcrunch.com/2016/10/03/amazon-bans-incentivized-reviews-tied-to-free-or-discounted-products/, die bisher nur für Amazon.com Gültigkeit hat. Die vielen „gekauften“ Rezensionen sind dem Unternehmen ein Dorn im Auge.

Die Begründung liegt darin, dass die Kunden das Vertrauen in die Rezensionen verloren haben, die von semi-professionellen Produkttestern veröffentlicht werden. Auch wenn bisher erlaubt war, diese Rezensionen durch eine Kennzeichnung transparent zu machen (z. B. „Dieses Produkt wurde mir kostenlos zu Rezensionszwecken überlassen“), wurde allzu oft eine gewisse Befangenheit der Testpersonen vermutet.

Amazon Vine – weiterhin erlaubt

Die offizielle Produkttester-Clique, die von Amazon Vine-Programm persönlich ausgewählt wird, darf weiterhin kostenlose oder verbilligte Produkte rezensieren. Bereits 2013 geriet diese Praxis bei der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen in die Kritik. Sinnvoll ist diese einseitige Verlagerung auf keinen Fall, denn die Unterstellungen, die den externen Produkttestern gemacht werden, können genauso gut an die Vine-Mitglieder gerichtet werden.

Die Produkttester-Mafia

Auch wir haben unsere Erfahrungen mit Fulltime-Produkttester gemacht und arbeiten mit diesen Personenkreis, sofern uns die Tatsache bekannt wird, nicht zusammen.

Leider mussten wir die Erfahrung machen, dass eine große Anzahl der Tester

  • durch das Hofiert werden von großen Firmen äußerst wählerisch ist, welchen Produkten sie überhaupt noch die Gnade ihrer Aufmerksamkeit gönnen (niedriger Preis – lohnt sich nicht)
  • keine objektiven Bewertungen mehr abgeben kann, sondern ihr vermeintlich schriftstellerisches Talent permanent unter Beweis stellen muss – die Familiengeschichte der Tester, die in epischer Breite eingebaut wird, interessiert den potentiellen Kunden eher weniger. Letztendlich sollte die Rezension eine Kaufhilfe darstellen
  • mehr Interesse daran zeigt, wie die eigene Bewertung rankt, als auf die eigentlichen Anforderungen einzugehen. Der Zusatz „Bitte klicken Sie auf hilfreich, wenn Ihnen diese Bewertung gefallen hat“, hat in einer Rezension nicht zu suchen, sondern dient nur den Zwecken des Verfassers
  • enge Kontakte zu Herstellern aufbaut und direkt mit ihnen verhandelt. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt

Am Unangenehmsten ist jedoch die Tatsache, dass zwischen den Produkttestern wahre Grabenkämpfe ausgeführt werden. Das Produkt selbst gerät zur Nebensache. Wer die Posts in den Amazon-eigenen Review-Foren und anderswo beobachtet, kann nachverfolgen, was im Hintergrund geschieht: Hier geht es um Schießen, Hauen, Stechen, Anschwärzen und den anderen in die Pfanne hauen, um mehr Produkte abzusahnen. Eine beliebte Methode ist auch, andere Rezensionen mit einem „Nicht hilfreich“ abzuwerten, um den Verfasser aus dem Rennen zu werfen. Qualität des Produktes? Hochwertige Rezension? Egal! Vertrauliche Behandlung von Daten? Fehlanzeige! Der eigene Geltungsdrang rechtfertigt alle Mittel.

Was dies noch mit fairen Tests zu tun hat, entzieht sich unserer Kenntnis.

Leider auch etwas ungeschickt von den Beteiligten: Wer sich auf der hauseigenen Plattform so detailliert äußert und engagiert, liefert dem Betreiber die besten Argument, den Profi-Testern den Garaus zu machen.

Wie bereits erwähnt, gelten die Änderungen bisher nur für Amazon.com. Es bleibt abzuwarten, ob die neuen Richtlinien in naher Zukunft auch auf dem europäischen Markt Einzug halten. Wir bleiben am Ball …

Update 06.10.2017

Wie zu erwarten, sind die Änderungen längst auch bei uns angekommen. Und dazu die Änderungen der Änderungen. Da wir unsere Fühler überall ausgestreckt haben und selbst vom Crowdworking profitieren, haben wir auch Einblick in die Interna von FB-Gruppen der „bösen Buben (und Mädchen)“. Vor allem die Rezensionen, bei denen die Händler selbst auf die Tester zugehen, sind im höchsten Maß gefährdet. Über das naive Vorgehen einiger Firmen kann man nur den Kopf schütteln. Hier treffen Unternehmer, die keine Ahnung haben, auf Amazon-Kunden, die noch weniger Ahnung haben. Tja, muss jeder selbst wissen, wir sind alle erwachsen! 

 

 

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