Bewertungen kaufen – wer hat Schuld?

Bewertungen kaufen – wer hat Schuld?

Wer den ganzen Tag Firmen berät, kommt nicht umhin, sich mit der Thematik der Kundenbewertungen auseinander zu setzen:

  • Bewertungsmanagement
  • Fake-Bewertungen
  • gekaufte Bewertungen
  • Gefälligkeitsrezensionen
  • Bewertungen kaufen oder verkaufen
  • Käufer von der Abgabe von Rezensionen und Bewertungen überzeugen
  • rechtliche Probleme
  • moralische Grenzen
  • News, Änderungen und Berichterstattungen in allen Medien
  • und, und, und …

Die Meinungen schwanken von unethisch über mir-doch-alles-egal bis zu damit-kicke-ich-jeden-Konkurrenten-raus. Wobei diejenigen noch nicht berücksichtigt sind, die jeden Meineid schwören, dass sie niemals … und alle Bekannten und Verwandten nötigen, ein gutes Urteil zu hinterlassen.

Blickt man sich dann in den Suchmaschinen um, kommen einem überall Angebote entgegen, wo und wie man eine Bewertungen kaufen oder schreiben lassen kann. Ganz abgesehen von den unzähligen Statistiken, wie viele Rezensionen wohl nicht echt sein mögen. Die Zahlen schwanken zwischen 15 und 70%. Zuhauf finden sich auch Anleitungen, wie man als Kunde gefälschte Bewertungen entlarven kann.  Auch wir haben bereits 2015 einen Artikel darüber veröffentlicht.


Spannende Frage: Wer trägt eigentlich die Schuld daran, dass ohne Onlinebewertungen heute (fast) nichts mehr geht?


Die Bewertungsportale?

Bewertungsportale wachsen wie die Pilze aus dem Boden. Von spezialisiert, wie die unzähligen Reiseseiten  (mit angeblich bis zu 10 Millionen Bewertungen), bis zu: quer durch den Gemüsegarten.  Deren Existenz beruht natürlich auf reiner Nächstenliebe, um dem Kunden völlig selbstlos durch den Dschungel der Erfahrungen zu helfen.

Unsinn: Natürlich wird hier viel Geld verdient und – bei einigen Portalen – mit übelsten Methoden. Wir haben bereits über Bewertungsportale berichtet und nicht alle Machenschaften, die uns bekannt sind, haben wir hier klar kommuniziert. Von Löschungen gegen Bezahlung bis „Qualitätssiegeln“, die sich erkaufen lassen, ist alles vertreten.

 

Google, Amazon und Co.?

Immer wieder geht es um das Ranking. Heute zählt leider nur noch der, der gut gelistet ist. Bewertungen sind nicht bei allen Monopolisten der entscheidende Erfolgsfaktor. Aber in der weiterschreitenden Entwicklung gewinnt die Aussage „Wer nicht bei Google zu finden ist, existiert nicht“ immer mehr an Bedeutung. Es gibt andere Suchmaschinen, es gibt andere Versandriesen. Einige Firmen verstehen es aber deutlich besser als andere, dem User ein gesuchtes Ergebnis zu präsentieren. Dazu zählt nicht nur die Qualität der Suchergebnisse, sondern auch die Usability, ein gefälliges Design, perfektes Marketing und nicht zuletzt die Barrierefreiheit gepaart mit einfacher Bedienung.

Diese Unternehmen geben den Ton an und bestimmen die Regeln. U. a.: Wer viele Bewertungen erhält, wird bei uns in den Top-Ergebnissen geführt. Wer in den Top-Ergebnissen geführt wird, hat die Chance auf viele Verkäufe. Wer viel verkauft, erhält auch relativ viele Bewertungen. Es geht um Geld, Geld und noch mehr Geld. Für alle Beteiligten.

Die Verkäufer und Dienstleister?

Ehrlich währt am längsten – und dauert vermutlich auch am längsten. Nur wer selbst Unternehmer ist, kann nachvollziehen, unter welchem Erfolgsdruck einzelne Firmen stehen. Das beste Produkt, die perfekte Dienstleistung, die unglaublichste Innovation nützen wenig, wenn niemand davon Kenntnis nimmt. Natürlich gibt es noch viele andere Wege, um bekannt zu werden und sich auf dem Markt durchzusetzten. In der internetbasierten Welt, die auf schnelle Erfolge und eine hohe Reichweite setzt, sind Kundenbewertungen und Rezensionen allerdings ein schnelles Mittel, um Bekanntheit zu erlangen.

Sind wir doch einmal ehrlich: Wie soll sich der Spezialist im Bau von Vogelhäusern, der in einem kleinen Dorf im Siebengebirge lebt, heute etablieren? Möglicherweise kommt noch erschwerend hinzu, dass er überhaupt nichts mit dem Internet zu tun hat. Hat er jetzt noch eine Chance, mit Mundpropaganda oder Anzeigen in seinem Heimatblatt Verkäufe zu erzielen, von denen er seine Familie finanzieren kann? Nicht unmöglich, aber doch eher schwer vorzustellen …

Eines sollte man ebenfalls nicht vergessen, bevor man mit dem Finger auf die „bösen“ Firmen zeigt: Auch noch so viele gekaufte Rezensionen oder Gefälligkeitsbewertungen werden aus einem „Saftladen“ keine renommiertes Unternehmen machen. Ein Autor, der nur „Mist verzapft“, oder eine Firma, die nur von leeren Versprechungen lebt, wird sich auf dem Markt nicht durchsetzen! So weit reicht die Macht von Bewertungen – Gott sei Dank – dann doch nicht nicht. Denn es gibt auch noch andere Kräfte, die den Markt regulieren.

Vielleicht hat auch der Kunde selbst einen nicht ganz unerheblichen Einfluß darauf, dass der Schrei nach Bewertungen so laut ist? 

Eine ungeheuerliche These, aber könnte nicht ein Körnchen Wahrheit darin zu finden sein? Ich gestehe: Auch ich lasse mich von Bewertungen anziehen oder abstoßen! Grundsätzlich sollte ich es besser wissen, aber mein Verhalten als Verbraucher ist das Gleiche, wie von Millionen anderen:

  • Die Suchmaschine meiner ersten Wahl ist Google.
  • Ich mache mir selbst kaum die Mühe, weiter als bis zur Seite 2 zu „blättern“.
  • Gefühlsmäßig glaube ich, dass Google mir die relevantesten Suchergebnisse präsentiert, auch wenn ich es besser weiß.
  • Bei der Wahl eines Dienstleisters lese ich die Bewertungen und vertraue auf die Sterne, die ich bei Google+ finden kann.
  • Leider mache ich mir selbst selten die Mühe, diese Rezensionen in Frage zu stellen.
  • Auch bei einer Produktsuche käme ich nie auf die Idee, einen Händler ohne Sterne oder jemandem mit vielen schlechten Bewertungen zu vertrauen. Mein Wissen, dass es sich nur um Rachebewertungen handeln kann, hilft mir bei meiner Entscheidung nicht weiter. Denn Kaufentscheidungen werden eher „aus dem Bauch heraus“, als auf Grund von Tatsachen und ausführlicher Recherche getroffen.

Ich bevorzuge den stationären Handel und kaufe relativ wenig im Internet ein. Außerdem bin ich mir durchaus bewusst, dass es – gerade bei Fernabsatzgeschäften – ein 14tägiges Widerrufsrecht gibt. Bewertungen anderer Käufer sind für mich nicht das Maß aller Dinge.

Allerdings bin ich mir als Verbraucher und Kunde durchaus im Klaren, dass mein eigenes Verhalten dazu beiträgt, dass die eindimensionale Auswahl über Bewertungen und Rezensionen zum Bewertungsmißbrauch beiträgt. Wenn ich nichts mehr hinterfrage und alles kritiklos akzeptiere, was mir vorgegaukelt wird, kann ich niemandem anderen die Schuld daran geben.

 

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